W&K plus Werbeagentur

19. Juli 2017

Wenn der Diminutivwahn Amökchen läuft

Über Geschmack lässt sich ausgiebig streiten. Über Ausdrucksformen auch. Wo der Zeitgeist gespenstisch waltet, gibt es oftmals kein Halten mehr.

Eine besonders gruselige Entwicklung in diesem Zusammenhang ist der grassierende Diminutivwahn.

Sie hießen Trix und Flix. Sie begleiteten sechzehn Mannschaften im Verlauf der Fußball-EM in Österreich und der Schweiz.
Mittlerweile dürften diese extraterrestrisch anmutenden Geflügelgeschöpfe mit spitzgekämmten Rotschöpfen den Weg alles Irdischen gegangen sein. In einer der wenigen noch verbliebenen Wienerwald-Niederlassungen mag man sie eventuell in gesottener, gebackener oder gebratener Gestalt wieder finden.

Ein Schicksal, das ich von ganzem Herzen einer der grässlichsten Marketing-Kreationen überhaupt wünsche. Das war Goleo. Anscheinend im Absinthrausch ersonnen und unter Kokaineinfluss endkonzipiert, präsentierte sich seinerzeit einer der peinlichsten Verschnitte aus der Canidae-Familie, kurzbehemdet, auf knorrigen Hinterbeinen gehfähig und mit einem Schwanz wie eine vom Hurrikan gebeutelte Palme. Das ist ja schon einige Jahre her und war bei der WM in Deutschland angesagt.

Wer vergibt solche Aufträge? Wer heißt deren Ausführung gut und fördert mit richtigem ganz echtem Geld ihre Markteinführung?

Sind es Bürokraten, die zu Mädchen- respektive Knabenzeiten Knax, das Kindermagazin der Sparkassen lasen?

Setzte sich ihre Ausbildung dergestalt fort, dass sie im ersten Grundschuljahr mit Fibelix - dem Rechtschreibbuch für die kleineren Geister arbeiteten, auch EinsixundZweiix - das tolle Mathebuch für die Pause in der Schultasche trugen, um schließlich während des Marketingstudiums bereits in der Lage waren, Kontaktix die Zeitschrift für gaaaaaaaaanz doll easy Marketing machen zu lesen?

Der Verniedlichungswahn greift um sich. Es lebe der Diminutiv. Die Verkleinerungsform hat ihren Gipfelpunkt noch nicht erklommen.

Zunehmend grüßt man mit Hallöchen und ab und zu vernahm ich abschiedsmäßig auch schon mit Grausen ein Tschauchen.

Tschüssikofski
 

Ihr

Gerhard Kerner

24. Juli 2017

Wildgewordene Übersetzungen

Im Internet ist alles gut. Alles, was aus dem Internet rauskommt, ist besser und alles, was wir da reinschreiben, ist immer am besten.

Diesen Glaubenssatz der piratenklappenäugigen Politlässigkeitsgenerierer teilen Millionen. Wie war das noch mit den Millionen Fliegen, die Recht haben müssen, weil sie Exkremente zu sich nehmen? Gleichwie: Im www ist bei aufmerksamer Betrachtung allerlei Unsinn zu finden.

Denn immer wieder bereitet er Freude, unser lieber Google Übersetzer, der dem Babelfish folgte.

Die Arbeitsergebnisse gemahnen noch an den Mumpitz, den Version 0.0 geliefert hätte, wäre sie denn jemals auf dem Markt gewesen.

Dennoch lässt sich mit diesem unerschöpflichen Born der Erheiterung das eine oder andere vergnügliche Viertelstündchen zwischen den Terminen füllen.

Probieren wir es doch mal mit dem alten Steppenwolf-Titel Born to be Wild: Getragen, wild zu sein, will man uns einreden. Da fühlt man sich irgendwie getragen und gut aufgehoben, angesichts dieses Vorschlags.

Die Aufforderung Go for it wird auch bei mehrmaligem Versuch mit Gehen Sie für es angeboten. Dass system requirement als Systemsanforderung mit mittigem s verkauft werden soll, geht ja gerade noch so an.

Aber wehe, wir greifen ins volle literarische Leben: Bei Emily Brontes traumschönem Roman Wuthering Heights liefert unsere verträumte Software Wuthering Höhen. Zumindest den Plural hat sie erkannt.

Vielleicht benötigen die Mädels und Jungs von Google ein Brainstorming, was im Deutschen dann als Geistesstörung daherkommt.

Eine Google-freie Woche für Sie, und ich verabschiede mich mit See you again, oder nach Babelfish

bis wieder

Ihr

Gerhard Kerner

08. August 2017

Events

sind eine nette Sache. Ihre Aufgabe ist, den Eingeladenen zu erheitern, ihn mit diversen Bonusergötzungen zu erfreuen und als treuen Kunden wieder in den Alltag zu entlassen. Vorbei die Zeiten, als Firmenjubiläen und Incentives für Mitarbeiter sich aus den altbackenen Bausteinen Dinner und Reden zusammensetzten.

Warum denn auch? Wieso sollte es dem Gast möglich sein, sich in Ruhe mit seinem Tischnachbarn zu unterhalten und nur dann, wenn er es wirklich will, einem ausgedehnten Unterhaltungsprogramm samt Pianospieler und Chansonette auszusetzen?

So geht das nicht mehr!

Der Festausrichter beauftragt den Eventmanager damit, eine größtmögliche Ladung an Gästebelästigern aufzufahren und über den Feiernden auszukippen. Als da sind: Close-Up-Magicians, Stand-Up-Comedians, Funny Servants, Lapdancing-Akrobaten und dergleichen Nervensägen mehr.

Kaum habe ich also den ersten Löffel delikater Jakobsmuschelsuppe zum Mund geführt, steht auch schon ein grinsender Hogwarts-Absolvent an meiner Seite und fordert mich auf, eine Karte zu ziehen. Pflichtgemäß tut man überrascht und lässt das Programm über sich ergehen. Kaum ist der Höhepunkt vorbei, heuchele ich Erstaunen darüber, dass der Magiekundige auf die richtige Karte getippt hat, um mich wieder meiner mittlerweile eiskalten und gar nicht mehr so köstlichen Suppe zuzuwenden.

Wage ich, das Roastbeef auf meinem Teller anzuschneiden, taucht wie aus dem Nichts eine Edith-Piaf-Imitatorin auf, krächzt Je ne regret rien und plumpst auf meinen Schoß, um mich coram publico anzuschmachten. Die Unbelästigten um mich herum freuen sich königlich, ziehen die Köpfe ein, um nicht zum nächsten Ziel der Sängerin zu werden und genießen frech vor meinen Augen ihr Hauptgericht.

Von der Nachspeise, die laut Menuekarte aus acht verschiedenen Sorten Mousse bestehen soll, kriege ich überhaupt nichts ab. Sie wird von einem überaus lustigen Comedy-Kellner serviert. Und der gibt sein Bestes, indem er hilflos zwischen den Tischen herumhampelt, immer mal wieder kleckert und mit Besteck um sich wirft, während charmante und fleißige Servierdienstleistende die Mousse-Teller an die Tische bringen.

Allen! Außer mir. Ich werde ja schließlich vom Comedian bedient.

Gehen Sie dieses Wochenende mal eventarm essen. Eine Diät, die den Sinnen wohltut.

Ihr

Gerhard Kerner

15. August 2017

Irgendwann

trifft es uns alle mal. Mit schicksalhafter Wucht und der Unvermeidbarkeit der Wiederkehr des Christkinds zu Weihnachten kommt es auf jeden von uns zu. Zwar sind wir dann ein wenig überrascht, und wissen nicht so genau, wie wir reagieren sollen, aber am Ende sagen wir doch Na klar und heucheln Begeisterung.

Die gefürchtete Situation steht uns dann bevor, wenn der jeweilige Lebensabschnittspartner verklärten Auges in unseren Weg tritt, uns jedwede Ausweich- oder Fluchtmöglichkeit versperrt und in der Tathand zwei Tickets hält, mit denen er sich nonchalant und beiläufig Luft zufächelt.

Also am dreiundzwanzigsten gibt es ein herrliches Symphoniekonzert. Du hast doch auch Lust, oder?

Während Sie noch betreten auf ihre Schuhspitzen gucken, hauchen Sie schon Ihr bigottes Aber sicher, mein Schatz und überlegen  dabei krampfhaft, wie Sie die Tortur überstehen sollen.

Bei der Einladungsfrage ist das Datum durch ein beliebiges und die Worte herrliches Symphoniekonzert durch bezaubernden Ballettabend ersetzbar.

Einfach schauderhaft, aber mit ein wenig Erfindergeist lässt sich selbst ein solcher Abend überstehen.

Hier sei nur nebenbei erwähnt, dass das Unternehmen Hans Riegel aus Bonn, kurz HARIBO, wohlschmeckende Gelatineprodukte herstellt. Diese verpackt sie zwecks Veräußerung in Einzelhandelsmärkten gerne in Klarsichttüten. Als Konzert- oder Ballettabendbesucher gilt es nun, stets eine solche Tüte zur Hand zu haben. Sie dient der facettenreichen Überbrückung der Zeit bis zum Vorführungsbeginn. Alldieweil nämlich die Damen und Herren im Orchestergraben noch eifrig ihre Instrumente stimmen, können Sie mit einer derartigen Tüte Ihre Sitznachbarschaft trefflich unterhalten.

Sie werden erfreut sein über den Glanz der Begeisterung, der aus den Gesichtern der Umsitzenden leuchtet, wenn Sie zuletzt genau an der Stelle, an der endlich der Dirigent gebietend die Hände hebt, diese drei Sekunden, in denen alle mucksmäuschenstill sind und das letzte Hüsteln verhallt ist, die Tüte recht geräuschvoll und jackentaschengerecht zusammenfalten.

Doch was danach?, fragen Sie zu Recht. Hier hat der vorausschauende Konzert-/Ballettbesucher eine Handvoll Haferflocken mitgebracht. Die krümele man klein und verteile sie auf den frisch gereinigten Jackets und Kostümjacken der Damen und Herren in der Reihe davor. Köstlich kann man sich dann am Anblick dieser simulierten Kopfhautschuppen weiden. Erst recht in der Pause, wenn alle zum Sektausschank strömen, und angewidert erkennen: Igitt. Neben welch einem ungepflegten Erdenbewohner sitze ich denn da? Hat der noch nie was von Anti-Schuppen-Shampoo gehört?

Mit solcherlei Schabernack lassen sich zur Not doch auch mal zwei Stunden rumbringen.

Ihr

Gerhard Kerner

 

25. August 2017

Und wieder sind sie unterwegs.

Kaum lässt sich der unbedarfte, naturliebende Wanderer auf einer einladenden Holzbank nieder, um seine Wurstbrote, Schoppenweine, Daunendecken, Kopfkissen und Wärmeflaschen auszupacken, nähern sie sich aus versteckten Winkeln und Weilern, Wäldern und Wiesen kommend, auf Zehenspitzen, um ihre Beute feilzubieten: Im Bastkörbchen tragen sie Pfifferlinge, Steinpilze, Maronen und verwandte Mycelgewächse mit sich, heben ein besonders großes Exemplar in die Höhe und gurren so kehlig-verrucht wie die Bardame aus dem Grünen Kakadu ihr obligatorisches

Na? Lust auf einen gemeinen Schleimling?

Nein! erwidere ich kategorisch.

Wer weiß, was der wilde, bärtige Pilzsammler mir da andrehen will. Den Fliegenpilz erkenne ich noch als solchen und ordne ihn der Kategorie Gefahrenträger zu. Aber was wäre, läge da ein unscheinbares kleines grünes Knollenblätterpilzchen unter den vermeintlichen Köstlichkeiten? Nicht nur das Wochenende wäre gelaufen.

Zwar geht da die Sage, der freundliche Apotheker von nebenan sei immer in der Lage, die Laienpilzsammlung nach Gute ins Töpfchen und Schlechte ins Kröpfchen zu sortieren. Aber das ist nur eine Urban Legend, die man sich auf After Work Parties in angesäuseltem Zustand gegenseitig als Bären aufbinden kann. Ich kenne eine gute Handvoll Apotheker. Von Pilzen haben die nun mal gar keine Ahnung, wie sie freimütig bekunden. Die verstehen mehr von Märklin-H0-Eisenbahnanlagen und Lifestyle-Zeitschriften.

Vergangene Ambitionen, auch selbst einmal in die Pilze zu gehen, wie man diesen Vorgang so euphemistisch umschreibt, liefen sehr bald ins Leere.

Nicht nur, dass man als Voraussetzung erst mal ein Grundstudium von zwanzig Fachbüchern durchzuackern gezwungen ist; in den Wäldern selbst drohen allenthalben Gefahren. Immer wieder tun uns die Postillen kund, dass die eine oder andere Vereinigung Wölfe, Bären, Luchse, Alligatoren und ähnliches beißfähiges Getier in unseren Wäldern wieder heimisch gemacht hat. Ganz abgesehen von der real existierenden Gefahr der freilaufenden Wildschweine, vulgo Eber und Sauen.

Was tut so ein Pilzsammler, wenn, sobald er sich nach einem verführerischen Champignon bückt, hinter ihm ein Knurren ertönt? Murmelt er verschämt, ohne sich umzudrehen Verzeihung, wollte eigentlich nicht stören oder wendet er sich dem Grizzly zu und begrüßt ihn mit Handschlag:

Hi! Mein Name ist Hans. Ich bin seit 1986 im WWF und Vorsitzender im Örtlichen Tierschutzverein Klein-Niedersbrück.

Keine Ahnung, ob sich das Untier dann mit einem freundschaftlich-vertrauten Augenzwinkern trollt.

Folgen Sie meinem Beispiel und besuchen Sie am Wochenende den reich bestückten Wochenmarkt. Sollte doch ein Knollenblätterchen darunter sein, können Sie immer noch posthum dem Händler an den Kragen gehen.

Ihr

Gerhard Kerner

Rotes Quadrat
Rotes Quadrat
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